Ein Touristenführer erklärte die französischen Religionskriege (mit einigen groben Irrtümern). Er kam zum Schluss, dass die meisten Kriege einen religiösen Ursprung haben und er sich deswegen von jeder Religion fernhielt. Diese sehr simple Erklärung ist mir wie eine bohrende Frage geblieben.
Sankt Thomas
In der Straßburger Sankt Thomas Kirche hat vor Jahren der kulturelle Verein der Gemeinde eben diese Frage aufgenommen, und jüdische, islamische und christliche Künstler aufgefordert, Gemälde herzustellen, die all die Texte, die zum Frieden in den heiligen Schriften der drei monotheistischen Religionen aufrufen zu illustrieren. Die Fragestellung hatte sich etwas verschoben: wie kam es dazu, dass es so viel Gewalt gab, wo doch alle drei Religionen sehr klare Texte in ihren heiligen Schriften vorweisen können, die zur Versöhnung aufrufen, die Krieg und Konflikte vermeiden wollen. Ein Buch mit den Gemälden und den Texten wurde veröffentlicht. Das war schön und erbaulich, doch überzeugte nur die Überzeugten. Denn wir können nicht der Tatsache ausweichen, dass religiöse Kriege jeden Konflikt praktisch unlösbar machen, ja den Konflikt verschärfen und diplomatische Wege verhindern. Wobei oft die Religion mit viel Zynismus viele andere Zielsetzungen verschleiert, wie Machthunger, Eroberung von Bodenschätzen, usw. Diplomatie ruht auf der Bereitschaft, mit dem Gegner zu reden. Doch wenn man der Überzeugung ist, Gott sei an seiner Seite, und der Gegner sei ein Werkzeug des Teufels, dann werden Verhandlungen äußerst schwierig.
Gräueltaten
In der Geschichte wurden ja viel zu oft Gräueltaten im Namen der Religion verübt. Man denke an die Eroberung Nordafrikas und Spaniens im 7. und 8. Jahrhundert, durch das Umayyaden- Kalifat durchgeführt, auch muslimische Expansion genannt. Oder an die Kreuzzüge (1095-1291), die bis heute von arabischen Christen den Europäern vorgeworfen werden. Die Eroberung Südamerikas und Zerstörung der dortigen Kultur nach 1492 wurde 1992 gebührend analysiert. Die religiösen Kriege zwischen Christen in der Reformationszeit haben damals Europa, und gerade unsere Gegend schreckliches zugefügt. Man könnte die Liste fortführen. Doch in der Gegenwart sieht es nicht besser aus. Wir erinnern uns an den sogenannten islamischen Staat, der in Syrien und Irak ein „Kalifat“ errichten wollte, und der alle Minderheiten und auch die gemäßigten Muslime verfolgte und massakrierte. In Nigeria gibt es die Boko Haram Gruppe, die Krieg gegen die christliche Minderheit führt, in Jemen, Somalien, Indien und Sudan haben die interreligiösen Spannungen einen sehr brutalen Charakter.
Israel – Palästina
Der Israel-Palästina Konflikt wird immer schlimmer und hat heute auf israelischer wie palästinenser Seite immer stärker werdende religiöse Züge. Man muss jedoch hinzufügen, dass die fanatischsten religiösen Unterstützer einer Erweiterung des heutigen Israels und der Besetzung von Gaza und Westjordanland die christlichen Zionisten sind, von der jetzigen Regierung der USA voll unterstützt. Ein solcher Zionist (ein baptistischer Pfarrer namens Mike Huckabee) wurde 2025 als Botschafter der Vereinigten Staaten Amerikas in Israel ernannt! Für ihn spielt Israel – wobei das heutige Israel als direkter Erbe des Reiches Davids betrachtet wird – eine große Rolle in der Endzeit, die jetzt hereinbricht. So wird jede Kritik am Staat mit Antisemitismus gleichgesetzt. Und was kümmert es, wenn der Planet zugrunde geht wegen des räuberischen und zerstörerischen Verhaltens der Menschheit? Die Tage der Erde sind gezählt! Ein Großteil der amerikanischen Juden ist gegen diese Auffassung und ihre politischen Folgen! Die Existenz und der Wert der Palästinenser, auch der lokalen christlichen Kirchen, werden ganz verleugnet, was die Brutalität der Situation verschlimmert. Wir wollen uns auf dieses Beispiel konzentrieren.
Was sagt die Bibel?
Es kommt ganz darauf an, welche Fragen man stellt. Fragt man, wie sieht es mit der Zukunft der Welt aus, dann kann man ihr einen scheinbar logischen, in der Bibel angekündigten Ablauf von Ereignissen entnehmen. Doch nur, wenn man sehr selektiv Bibelverse mit Prophezeiungen, Versprechen Gottes und Ankündigungen zusammenträgt, die, betrachtet man sie im Zusammenhang der Kapitel, denen sie entnommen sind, sehr willkürlich interpretiert werden. Christen lesen die Bibel im Blick auf das Kommen, die Predigt, Tod und Auferstehung Jesu Christi und sein Erbe. Für Christen ist das Zentrum des Christentums Jesus Christus und seine Bedeutung. Sie wissen, dass er wiederkommen wird, doch nicht wann. Und in dieser Zwischenzeit soll der Christ bereit sein, indem er ein tadelloses Leben führt, in Liebe, Bereitschaft zur Versöhnung und Solidarität mit den Ausgegrenzten. Jesus sagte in der Bergpredigt: „Selig sind die Friedfertigen, denn sie werden Gottes Kinder heißen“. Die alten Kirchen in der Gegend Palästina, die es seit dem Anfang des Christentums gibt, und die heute orthodox, katholisch oder evangelisch sind, haben schon mehrere Male stark gegen den christlichen Zionismus protestiert. Sie sind eine kleine Minderheit. Ihr Zeugnis beeindruckt. Gruppen und Gemeinden versuchen, als gute Nachbarn mit ihren muslimischen und jüdischen Nachbarn friedlich zusammen zu leben, wie Daoud Nassar, vom „Zelt der Nationen“, der bei Bethlehem einen Bauernhof betreibt. Er lebt unter ständigem Druck, doch verweigert sich, in seinen Unterdrückern Feinde zu sehen. Als Motto steht am Eingang seiner Farm: „Wir weigern uns, Feinde zu sein“.
Christen als Friedensbotschafter
Und da fallen uns noch viele andere Beispiele ein, Beispiele von Christen, die wegen ihres Glaubens an Jesus Christus für Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit eingetreten sind. Und das oft sehr teuer bezahlten, wie Marie Durand, Albert Schweitzer, Dietrich Bonhoeffer, die Einwohner von Chambon-sur-Lignon, die Juden während des Zweiten Weltkriegs beschützten, Martin Luther King und noch viele andere mehr oder wenig bekannte Friedenskämpfer. Die Schriften, auf denen Judentum, Christentum und Islam aufgebaut sind, enthalten starke Impulse für ein harmonisches Zusammenleben der verschiedenen Teile der Menschheit. Doch werden sie von Fanatismus, Nationalismus oder Irrlehren umgedeutet, dann können sie effektiv viel Schaden anrichten.
Thomas Wild,
Pfarrer i.r.
1b quai Saint Thomas
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