Wenn ihr diese Zeilen lest, wird die Fußball-Weltmeisterschaft bereits in ihrer dritten Woche sein. Dank ihr stehen die Vereinigten Staaten, Kanada und Mexiko im Mittelpunkt der Welt. Wieder eine Gelegenheit uns an diese wenig bekannte Welt der Hochleistung zu interessieren.
Auf der anderen Seite des Atlantiks wurde alles getan, damit das Fest ein Erfolg wird. Man hat schnell über Boykottaufrufe, Machenschaften und Skandale hinweggesehen, um sich auf das Wesentliche zu konzentrieren: das Spiel. Nun befinden wir uns mitten drin. Die Herzen von Millionen von Zuschauern schlagen im gleichen Rhythmus und wie immer gibt es Herzrasen, Tränen, Enttäuschungen und Jubelausbrüche.
Große Erwartungen…
Fußballfans erwarten viel von diesem Aufeinandertreffen der besten Mannschaften der Welt. Sie wollen spannenden Fußball sehen. Sie verabscheuen zerhackte Spiele, die ständig durch Pfiffe des Schiedsrichters unterbrochen werden. Sie erwarten ein unterhaltsames, abwechslungsreiches Spiel mit taktischen Kombinationen und schönen technischen Spielzügen. Zugegeben, in dieser Hinsicht wurden wir in den letzten Jahren nicht besonders verwöhnt. Da die Physis und die Defensive im Vordergrund stehen, fällt es den Spielern zunehmend schwer, ihre offensiven Qualitäten zum Ausdruck zu bringen. Pädagogen und Beobachter sind sich einig: Die Spielphilosophie geht verloren. Doch Fußballer können beruhigt sein, denn dasselbe lässt sich auch in anderen Sportarten beobachten. Finanzielle Interessen untergraben tatsächlich den gesamten Spitzensport. Sponsoren, Aktionäre und Führungskräfte fordern Ergebnisse. Gewinnen ist das Wichtigste, koste es, was es wolle!
Ein Teufelskreis?
Der Sport ist ein Spiegelbild der Gesellschaft. Die verschiedenen Akteure kämpfen nicht mit gleichen Waffen, und der Reichste ist oft der Stärkste. Natürlich gibt es Ausnahmen: Vereine mit kleinen Budgets, die sich für die Champions League qualifizieren. Doch wenn ihre Mannschaften erfolgreich sein wollen, müssen sie ihren Kader in der Zwischensaison verstärken und damit die Lohnkosten deutlich erhöhen. Und dann können sie sich nicht mehr damit begnügen, den für sie charakteristischen freundlichen und ländlichen Fußball zu spielen. Fachleute sprechen, ohne zu zögern, von einem regressiven Trend. Zwar sind die Sportler technisch, taktisch, körperlich und psychologisch immer besser auf den Wettkampf vorbereitet, doch man beklagt das Streben nach Geld, die Gewalt in den Stadien, die Stimmung auf den Spielfeldern, die Aggressivität gegenüber den Gegnern, aber auch gegenüber den eigenen Mitspielern. Ist dieser Trend unumkehrbar? Wir stehen kurz davor, den richtigen Weg zu verlassen, aber noch ist nicht alles verloren. Die Dinge können sich ändern. Einige behaupten, dass die Rettung in der Weiterentwicklung der Spielformen, der Regeln und der Schiedsrichtermethoden liegt. Das reicht nicht aus. Wir brauchen ein neues Bewusstsein und eine Rückbesinnung auf die Wurzeln des Mannschaftssports. Und das interessiert uns Christen ganz besonders!
Sport und Christsein…
Viele Mannschaftssportarten basieren auf dem Konzept der Nächstenliebe. Dies gilt insbesondere für Basketball und Volleyball, zwei Sportarten, die Ende des 19. Jahrhunderts in Nordamerika von Theologen im Rahmen der sogenannten Christlichen Vereinigungen Junger Menschen * entwickelt wurden. James Naismith, der Erfinder des Basketballs, schrieb über sein Spiel: „Es kann nur denen wahre Befriedigung verschaffen, die anderen helfen und Gutes tun wollen.“ William Morgan, ein presbyterianischer Pastor und Sportlehrer, folgte seinem Beispiel und entwickelte das Volleyballspiel. In allen Mannschaftssportarten veranschaulicht der Pass das Zutrauen am besten. Den Ball an einen anderen weiterzugeben bedeutet, ihm zu vertrauen und ihn am Erfolg teilhaben zu lassen. Es scheint, dass der Basketballkorb ursprünglich das Symbol für die Gottheit war, mit der die Spieler in Beziehung treten sollten. Das Mannschaftsspiel ist also die Mühe wert! Zwei weitere Konzepte leiteten Naismith und Morgan: Vergebung und gegenseitiger Respekt. Jeder Spieler muss in der Lage sein, den Fehler eines Mitspielers und den eines Gegners zu verzeihen. Ebenso kann es ohne gegenseitigen Respekt keine echte sportliche Auseinandersetzung geben. Was man auf dem Spielfeld erlebt, so Naismith, lässt sich daher perfekt auf das Leben in der Gesellschaft übertragen und umgekehrt, im Guten wie im Schlechten. Es bleibt zu hoffen, dass bei dieser Fußballweltmeisterschaft die Dribblings die brutalen Tacklings überwiegen, dass der Wille zum Gestalten stärker ist als der zum Zerstören und dass die Spieler sich als Spielpartner und nicht als Krieger im Kampf betrachten. Wenn dies der Fall ist, wird der Sport davon profitieren und wir werden Grund zur Hoffnung haben.
Daniel Steiner
Pastor und Sportpädagoge im Ruhestand
* YMCA (Young Men’s Christian Association)
1b quai Saint Thomas
67000 STRASBOURG
03 88 25 90 80